Essig aus Holz
Inhaltsverzeichnis
- 1 Herstellen
- 2 Essig aus Holz: Holzessig und Holzdestillation
- 3 Geschichtlicher Hintergrund
- 4 Prinzip: Trockene Destillation von Holz
- 5 Herstellung im kleinen Maßstab
- 6 Reinigung zu Speiseessig
- 7 Historische Verwendung von Roh-Holzessig
- 8 Warum wurde es vergessen?
- 9 Moderne Bedeutung
- 10 Sicherheit - EXTREM WICHTIG
- 11 Merksatz
Herstellen
Der kleine Alchemist ├─ Herstellung von Holzteer und Pech ├─ Kolophonium ├─ Pechkerzen herstellen ├─ Pechsalbe Kiefernharzsalbe └─ Harz sammeln im Wald └─ Terpentin – Herstellung └─ Terpentin im Haushalt ├─ Leinölfirnis ├─ Essig selbst herstellen Essig aus Holz ├─ Essig – Der vielseitige Alleskönner └─ Eisen mit Essig brünieren ├─ Nahrungsergänzungsmittel aus Eierschalen └─ Walnussschalen-Granulat
Essig aus Holz: Holzessig und Holzdestillation
Holzessig ist die wässrige Fraktion, die bei der trockenen Destillation von Holz entsteht. Er enthält 5-10% Essigsäure <math>CH_3COOH</math> und war vor 1850 die Hauptquelle für technischen Essig. Das Verfahren heißt Holzverkohlung oder Pyrolyse.
Geschichtlicher Hintergrund
| Zeit | Anwendung | Verfahren |
|---|---|---|
| Antike | Ägypten, Griechenland | Teer + Holzessig aus Zedern/Kiefern für Mumifizierung, Schiffskalfaterung |
| Mittelalter | Köhler, Pechsieder | Nebenprodukt beim Meilerverkohlen. Kondensat aufgefangen |
| ~1650 | Johann Rudolph Glauber | Erste Beschreibung der trockenen Holzdestillation |
| 1800-1920 | Holzverkohlungsindustrie | Hauptquelle für Essigsäure, Methanol, Aceton, Teer |
| Ab 1920 | Verdrängt durch Erdölchemie | Synthetische Essigsäure billiger |
Merke: Jeder Köhler produzierte Essig. Er wusste es nur nicht bzw. ließ ihn weg laufen.
Prinzip: Trockene Destillation von Holz
Wird Holz unter Luftabschluss über 270°C erhitzt, zersetzt es sich. Es entstehen:
1. Holzkohle: Fester Rückstand, 25-30% 2. Holzgas: Brennt, CO + H2 + Methan, 20% 3. Holzteer: Dicke schwarze Phase, 10% 4. Holzessig: Wässrige braune Phase, 40-45%
Der Holzessig ist die Roh-Essigsäure.
Reaktion vereinfacht: Cellulose <math>(C_6H_{10}O_5)_n</math> → Essigsäure + Methanol + Aceton + Wasser + Teer + Kohle
Herstellung im kleinen Maßstab
Warnung: Nur im Freien! Es entstehen giftige, brennbare Gase und krebserregender Teer. Brand- und Explosionsgefahr.
Aufbau „Kalkofen-Labor“: 1. Retorte: Alter Drucktopf, Milchkannen oder Stahlrohr. Muss luftdicht sein. 2. Füllung: Hartholz trocken, Harz-frei. Buche, Eiche, Birke. Kein Nadelholz = zu viel Teer. 3. Abzugsrohr: Aus dem Deckel in einen Kühler. Kupferrohr durch Wassereimer reicht. 4. Vorlage: Glasballon zum Auffangen des Kondensats. 5. Heizung: Langsam auf 400-500°C. Holz entgast ab 270°C.
Phasen: 1. Bis 170°C: Wasser verdampft = Vorlauf, wegschütten. 2. 170-270°C: Gelbes Kondensat = Holzessig + Methanol. Brennbar! 3. 270-400°C: Dunkler Teer kommt mit. 4. Über 400°C: Gasphase, Holzkohle bleibt zurück.
Roh-Holzessig trennen: 1. Absetzen lassen. Teer sinkt nach unten. 2. Obere wässrige Phase abgießen = Roh-Holzessig. 3. Riecht nach Rauch, Teer, Essig. Enthält 5-10% Essigsäure, 1-3% Methanol, Aceton, Phenole.
Reinigung zu Speiseessig
Roh-Holzessig ist giftig! Enthält Methanol = macht blind, Phenole = krebserregend.
Historische Reinigung: 1. Neutralisieren: Mit Kalkmilch versetzen. Essigsäure wird zu Calciumacetat, Teer fällt aus. 2. Filtrieren: Durch Sand + Knochenkohle. Entfärbt und entgiftet. 3. Destillieren: Calciumacetat mit Schwefelsäure versetzen und Essigsäure abdestillieren. 4. Ergebnis: Klare Essigsäure, „Holzessigessenz“. Verdünnt auf 5% = Speiseessig.
Ohne Chemie-Labor nicht zu empfehlen. Der Aufwand ist irre und Methanol-Vergiftung real.
Historische Verwendung von Roh-Holzessig
Nicht als Lebensmittel, sondern technisch: 1. Holzkonservierung: Bahnschwellen, Zäune. Teer + Säure + Phenole = pilztötend. 2. Gerberei: Häute enthaaren, Beize. 3. Schädlingsbekämpfung: 1:20 verdünnt gegen Blattläuse, heute „Bio-Rauchwasser“. 4. Räuchergeschmack: Verdünnt als „Liquid Smoke“ – wird heute noch so gemacht. 5. Beizen von Eisen: Rostentferner vor dem Bläuen.
Warum wurde es vergessen?
1. Erdöl ab 1920: Synthetische Essigsäure aus Ethylen war reiner und billiger. 2. Giftigkeit: Roh-Holzessig trennen ist gefährlich. Ein Fehler = Methanolvergiftung. 3. Geschmack: Selbst gereinigt schmeckt Holzessig rauchig-teerig. Weinessig war beliebter. 4. Meilersterben: Als Kohle die Holzkohle verdrängte, starb das Nebenprodukt mit.
Moderne Bedeutung
1. Liquid Smoke: Gereinigter Holzessig ist als Raucharoma E636 zugelassen. 2. Pflanzenstärkung: 1:500 verdünnt als „Holzessig“ im Bio-Landbau. Fördert Keimung. 3. Pyrolyse-Technik: Gleiche Prinzip wird heute für „Biokohle“ und „Syngas“ genutzt.
Sicherheit - EXTREM WICHTIG
1. Methanol: Bereits 10ml oral können zur Erblindung führen. 30ml tödlich. Dämpfe nicht einatmen. 2. Benzol/Phenole: Krebserregend. Hautkontakt vermeiden. 3. Brand/Explosion: Holzgas + Luft = Knallgas. Retorte kann zerreißen. 4. Selbstentzündung: Holzkohle kann sich an Luft entzünden wenn sie heiß aus der Retorte kommt. 5. Legal: Destillation von Methanol-haltigen Gemischen kann unter Branntweinmonopol fallen.
Fazit: Holzessig herstellen ist Chemie, kein Küchenexperiment. Zum Angucken ja, zum Verzehr nein.
Merksatz
> Aus Holz wird Teer, aus Teer wird Rauch, > aus Rauch wird Essig für den Schlauch. > Doch trinkst du roh, dann wirst du blind, > drum reinige gut, mein liebes Kind.