Glycerin

Aus AutarkWiki
Version vom 23. April 2026, 14:52 Uhr von Andre Pohle (Diskussion | Beiträge) (Die Seite wurde neu angelegt: „== Glycerin == '''Glycerin''' oder '''Glycerol''' ist ein dreiwertiger Alkohol und Nebenprodukt der Seifenherstellung. Farblose, sirupartige, süß schmeckend…“)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Glycerin

Glycerin oder Glycerol ist ein dreiwertiger Alkohol und Nebenprodukt der Seifenherstellung. Farblose, sirupartige, süß schmeckende Flüssigkeit. Chemisch: C₃H₈O₃ bzw. CH₂OH–CHOH–CH₂OH. Wasserlöslich, hygroskopisch, nicht giftig. Siedepunkt 290°C.

In der Autarkie fällt Glycerin bei jeder Seifenherstellung an. Aus 1 kg Fett entstehen etwa 100 g Glycerin. Historisch wurde es für Sprengstoff und Medizin verwendet, heute steckt es in Kosmetik, Lebensmitteln und Technik.

Geschichte

  • 1779: Carl Wilhelm Scheele entdeckt Glycerin beim Verseifen von Olivenöl mit Bleiglätte. Nennt es „Ölsüß“.
  • 1811: Michel Eugène Chevreul klärt die Struktur auf. Name Glycerin vom griechischen glykys = süß.
  • 1850–1918: Glycerin wird kriegswichtig. Alfred Nobel entwickelt 1866 Dynamit aus Glycerin + Salpetersäure = Nitroglycerin. Im 1. Weltkrieg wurden Seifensieder staatlich verpflichtet, Glycerin abzuliefern.
  • 1900–heute: Massenprodukt durch Seifen- und Biodieselindustrie. Bei Biodiesel fällt Glycerin zu 10 % als Nebenprodukt an.
  • Autarkie: Bis 1850 war Seifensiederei die einzige Glycerinquelle. Rohglycerin wurde für Leder, Medizin und Frostschutz genutzt.

Verwendung

Glycerin ist wegen drei Eigenschaften nützlich: hygroskopisch, viskos, ungiftig.

Haushalt & Werkstatt

1. Feuchthaltemittel: Bindet Wasser. In Lederpflege, Holzleim, Modelliermasse. Verhindert Austrocknen und Rissbildung.
2. Frostschutz: Glycerin-Wasser-Gemisch 1:2 gefriert erst bei -15°C. Für Türschlösser, Scheibenwaschanlage, Wasserleitungen im Schuppen.
3. Weichmacher: Macht Leder, Gummi und Dichtungen geschmeidig. 10 % Glycerin in Wasser als Ledertränke.
4. Unkrautvernichter: Pur auf Pflanzenblätter = entzieht Wasser, Pflanze vertrocknet. Bodenschonender als Salz.
5. Nebelmaschine: Glycerin + Wasser 1:3 ergibt ungiftigen Bühnnennebel beim Verdampfen.

Körper & Gesundheit

6. Hautpflege: Bindet Feuchtigkeit in der Haut. Basis für Cremes, Seife, Zahnpasta. Rohglycerin 1:5 mit Wasser als Handpflege.
7. Abführmittel: Zäpfchen aus Glycerin ziehen Wasser in den Darm. Alte Hausmedizin.
8. Hustensaft: Macht Sirup zäh und beruhigt den Hals. Glycerin + Spitzwegerich-Auszug.

Technik & Chemie

9. Sprengstoff: Nitroglycerin = Glycerin + Salpeter-/Schwefelsäure. Hochexplosiv, nur industriell. Warnung: Herstellung verboten und lebensgefährlich.
10. Kältemittel: In Solaranlagen und Wärmepumpen als Frostschutz.
11. Tabak: Hält Pfeifen- und Shishatabak feucht.
12. Lebensmittel: E422 = Feuchthaltemittel in Backwaren, Süßwaren, Wursthüllen.

Gewinnung aus der Unterlauge

Bei der Seifenherstellung durch Aussalzen fällt Glycerin in der Unterlauge an. Diese ist das Abwasser unter der festen Kernseife.

Zusammensetzung der Unterlauge

  • 60–75 % Wasser
  • 10–20 % Kochsalz NaCl
  • 8–12 % Glycerin
  • 2–5 % Seifenreste, überschüssige Lauge, Schmutz

Kleinversuch: Rohglycerin gewinnen

Warnung!
Arbeiten im Freien. Glycerin brennt ab 160°C mit rußender Flamme. Kochendes Salzwasser spritzt. Schutzbrille tragen.}}

Material für 1 Liter Unterlauge:

  • Unterlauge vom Aussalzen der Kernseife
  • Kaffeefilter, Edelstahltopf, Herdplatte oder Feuer
  • Essig oder Zitronensäure, pH-Streifen
  • Marmeladenglas zum Abfüllen

Durchführung: 1. Filtrieren: Unterlauge durch Kaffeefilter geben. Seifenflocken und Schmutz bleiben hängen.
2. Neutralisieren: pH mit Essig auf 7 einstellen. Es schäumt durch CO₂-Bildung. Solange Essig zugeben bis es nicht mehr schäumt. Ziel: Freie Lauge ist weg.
3. Eindampfen: Gefilterte Lauge im Edelstahltopf langsam erhitzen. Wasser verdampft, Geruch wird süßlich. Bei 105°C fällt Salz als weiße Kruste aus.
4. Salz abschöpfen: Kristallisiertes Salz mit Löffel abnehmen. Je weniger Wasser, desto mehr Salz fällt aus.
5. Endpunkt erkennen: Wenn die Flüssigkeit zäh wie Sirup wird und Temperatur auf 120°C steigt, Herd aus. Weiteres Erhitzen verbrennt das Glycerin.
6. Klären: Heißen Sirup durch feines Tuch in Glas gießen. Abkühlen lassen. Über Nacht setzt sich Rest-Salz am Boden ab.
7. Abgießen: Klare obere Phase = Rohglycerin ca. 70–80 %. Bodensatz = Salz mit Glycerinresten.

Ausbeute: Aus 1 Liter Unterlauge erhält man 80–120 ml Rohglycerin. Je nach Seifenrezept.

Qualität prüfen:

  • Farbe: Gelb bis braun ist normal. Schwarz = verbrannt.
  • Geruch: Süßlich. Stechend = noch Lauge drin.
  • Test: Tropfen auf Haut. Brennt es = noch Lauge. Klebt nur = gut.

Destillation

Rohglycerin enthält Wasser, Salz und Seifenreste. Für Kosmetik oder Lebensmittel muss es destilliert werden.

Warum normale Destillation scheitert

Glycerin siedet bei 290°C. Bei dieser Temperatur zersetzt es sich an Luft zu Acrolein, stechend giftig. Deshalb: Vakuumdestillation.

Labormaßstab / Autark

1. Apparatur: Rundkolben, Liebigkühler, Vakuumpumpe oder Wasserstrahlpumpe, Vorlage. Alles aus Glas oder Edelstahl. 2. Vakuum: Druck auf 20–50 mbar senken. Dann siedet Glycerin schon bei 160–180°C. 3. Vorlauf: Bis 100°C kommt Wasser + leichtflüchtige Stoffe. Verwerfen. 4. Hauptlauf: Bei 160–180°C kommt klares Glycerin. In saubere Vorlage auffangen. 5. Nachlauf: Über 190°C kommen Zersetzungsprodukte. Destillation abbrechen.

Warnung!
Vakuumdestillation ist Fortgeschrittenen-Chemie. Glasbruch durch Implosion möglich. Acroleinbildung bei Luftzutritt. Nur mit Erfahrung und Schutzausrüstung durchführen.

Ergebnis: Farbloses, klares Glycerin 98–99 %. Pharmaqualität. Salz und Seifenreste bleiben als Sumpf im Kolben.

Einfache Reinigung ohne Destille

Für Werkstattzwecke reicht oft:
1. Rohglycerin mit Aktivkohle 24 h rühren. Entfärbt und bindet Geruch.
2. Durch Sandfilter filtrieren.
3. Ergebnis: Hellgelbes Glycerin 85–90 %, salzarm. Gut für Leder, Frostschutz, Nebel.

Wirtschaftliche Beleuchtung

Achtung!
Diese Zahlen dienen dem Verständnis. Preise Stand 2026 Lutherstadt Wittenberg, Sachsen-Anhalt.

Stoffbilanz Seife

Einsatz Menge Produkt Menge
Fett/Talg 1000 g Kernseife 1000 g
Kalilauge 30% 450 g Unterlauge 1200 g
Kochsalz 200 g Rohglycerin 80–100 g

Aus 1 kg Altfett entstehen also 1 kg Seife + 100 g Glycerin. Glycerin ist 10 % Massenanteil.

Kostenvergleich Kleinmenge

Selbst herstellen:

  • 1 kg Altfett: 0 €, Abfall
  • Holz für Asche, Salz, Energie: ~1,50 €
  • Arbeit 4 h: Hobby
  • Ergebnis: 1 kg Seife + 100 ml Rohglycerin
  • Wert Rohglycerin: ca. 0,30 €

Kaufen:

  • 1 kg Kernseife: 4 €
  • 100 ml Glycerin 99% Pharma: 3 €

Fazit Kleinmenge: Finanziell lohnt es nicht. Ideell schon: Geschlossener Kreislauf, Unabhängigkeit, Wissen.

Skalierung: Wann lohnt es sich?

Ab 50 kg Seife pro Monat:

  • Altfett aus Gastronomie: 0,20 €/kg
  • Pottasche selbst brennen oder KOH kaufen: 2 €/kg
  • 50 kg Seife + 5 kg Rohglycerin
  • Glycerin verkaufen an Imker, Lederwerkstatt, Landwirte: 5 €/kg
  • Erlös Glycerin: 25 €. Deckt Salzkosten.

Industriemaßstab Biodiesel:

  • 1000 L Biodiesel → 100 kg Rohglycerin als Abfall
  • Entsorgung kostet, daher Aufreinigung zu techn. Glycerin
  • Verkauf: 400–800 €/t je nach Reinheit

Fazit: Glycerin ist im Kleinen ein willkommenes Nebenprodukt. Im Großen wird es zum eigenen Betriebszweig. Der Trick ist: Kosten entstehen beim Seifemachen sowieso. Glycerin ist geschenkt, wenn man die Unterlauge nicht wegschüttet.

Bewertung

1. Energie: Eindampfen braucht 1 kWh pro Liter Unterlauge. Mit Holzfeuer fast kostenlos.
2. Wissen: Verfahren ist 200 Jahre alt, funktioniert ohne Strom. Nur Topf und Feuer nötig.
3. Skalierung: Linear. 10x mehr Seife = 10x mehr Glycerin = 10x größerer Topf.
4. Strategisch: Glycerin ersetzt Frostschutz, Weichmacher, Medizin. Macht autarke Gruppe widerstandsfähiger.