Färbepflanzen
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Färbepflanzen in Bearbeitung
Färbepflanzen sind Pflanzen, aus deren Bestandteilen sich Farbstoffe zum Färben von Textilien, Leder, Holz oder Lebensmitteln gewinnen lassen. Vor der Erfindung synthetischer Farbstoffe im 19. Jahrhundert waren sie die einzige Quelle für dauerhafte Farben. Die Färberei mit Pflanzen war ein hoch spezialisiertes Handwerk und ein bedeutender Wirtschaftszweig.
Grundprinzip
Pflanzenfarbstoffe benötigen meist eine Beize, um dauerhaft auf der Faser zu haften. Die Beize „öffnet“ die Faser und verbindet sich mit dem Farbstoff. Ohne Beize sind viele Färbungen nicht licht- oder waschecht.
Die drei wichtigsten historischen Beizen:
- Alaun (Kaliumaluminiumsulfat) – für Wolle und Seide, ergibt leuchtende Farben
- Eisensalze (z. B. Eisen-II-sulfat, oft aus Rost und Essig gewonnen) – dunkelt Farben ab, erzeugt Braun-, Grau- und Schwarztöne
- Urin – durch den enthaltenen Ammoniak wirkte gealterter Urin als alkalische Beize, besonders für Wolle
Die wichtigsten Färbepflanzen Europas
Die „Großen Drei“ der Tuchfärbung
Mit diesen drei Pflanzen ließ sich seit dem Mittelalter nahezu das gesamte Farbspektrum abdecken:
| Farbe | Pflanze | Verwendeter Teil | Anmerkungen |
|---|---|---|---|
| Blau Färberwaid (Isatis tinctoria) Blätter | Europäischer Ersatz für Indigo. Der Farbstoff Indican muss durch Fermentation zu Indigo umgewandelt werden. Lieferte das „Waidblau“, ein wichtiger Handelsartikel Thüringens. | ||
| Rot Krapp (Rubia tinctorum) Wurzel | Enthält Alizarin. Die Wurzeln müssen 3 Jahre wachsen. Ergab das berühmte „Türkischrot“ bzw. „Adrianopelrot“. War Grundlage für die Farbe der britischen Uniformröcke. | ||
| Gelb Färberwau (Reseda luteola) Ganze Pflanze | Enthält Luteolin. Sehr lichtecht. Wurde „Waude“ genannt und war das Standard-Gelb für Wolle und Leinen. |
Grün wurde durch Überfärbung erzielt: Erst Gelb mit Wau, anschließend Blau mit Waid. Dieses Doppelfärben machte grüne Stoffe teuer.
Weitere bedeutende Färbepflanzen
| Farbe | Pflanze | Verwendeter Teil | Verwendung |
|---|---|---|---|
| Braun/Schwarz Eichenrinde (Quercus sp.) Rinde | Enthält Gerbsäure. Zusammen mit Eisensalzen ergibt sich Eisengallus-Schwarz für Leder, Tinte und Mönchskutten. | ||
| Hellgelb/Beige Birke (Betula pendula) Blätter | Junge Blätter im Frühjahr ergeben mit Alaunbeize einen hellen Gelbton auf Wolle. | ||
| Goldgelb/Braun Zwiebel (Allium cepa) Äußere Schalen | Küchenabfall, der mit Alaunbeize kräftige Gelb- bis Brauntöne ergibt. Sehr einfach in der Anwendung. | ||
| Blau-Violett Schwarzer Holunder (Sambucus nigra) Beeren | Ergibt ohne Beize nur wenig lichtechte Färbungen. Mit Alaun oder Zinnsalz werden die Töne haltbarer. | ||
| Graugrün Brennnessel (Urtica dioica) Ganze Pflanze | Mit Eisenbeize entstehen gedeckte, graugrüne Töne. | ||
| Dunkelbraun Walnuss (Juglans regia) Grüne Fruchschalen | Enthält Juglon. Färbt ohne zusätzliche Beize sehr dauerhaft. Wurde auch zum Färben von Haaren und Holz verwendet. |
Praxisanleitung: Färben mit Zwiebelschalen
Zwiebelschalen sind das ideale Einsteiger-Material. Der Farbstoff Quercetin ist leicht löslich, ungiftig und ergibt warme Gelb- bis Orangetöne. Die Färbung ist für Wolle und Seide gut geeignet, für Baumwolle/Leinen mäßig.
Material
- 100 g trockene Wolle oder Seide
- 50–100 g trockene, äußere Zwiebelschalen (je mehr, desto dunkler)
- 15 g Alaun (Kalialaun, Apotheke oder Onlinehandel)
- 5 L Regenwasser oder entkalktes Wasser
- 1 großer Edelstahltopf, 1 Holzlöffel, Gummihandschuhe
Durchführung
1. Beizen: Die Wolle 1 Stunde in klarem Wasser einweichen. Alaun in 5 L handwarmem Wasser auflösen. Die nasse Wolle hineinlegen und langsam auf 80°C erhitzen. 1 Stunde bei 80°C halten, nicht kochen. Danach im Beizbad abkühlen lassen. Über Nacht stehen lassen. Ausspülen.
2. Farbsud ansetzen: Zwiebelschalen in 5 L Wasser 1 Stunde leicht köcheln lassen. Abseihen. Der Sud ist die Färbeflotte. Die Schalen können kompostiert werden.
3. Färben: Die gebeizte, nasse Wolle in den 40–50°C warmen Sud legen. Langsam auf 85°C erhitzen und 1 Stunde sanft bewegen. Nicht kochen und nicht rühren, sonst verfilzt Wolle. Für tiefere Töne länger im Sud lassen, ggf. über Nacht auskühlen lassen.
4. Nachbehandlung: Die Wolle aus dem Bad nehmen, abtropfen lassen und so lange mit lauwarmem Wasser spülen, bis das Wasser klar bleibt. Im Schatten liegend trocknen. Direkte Sonne kann die Farbe ausbleichen.
Ergebnis: Je nach Zwiebelsorte und Menge erhält man Farben von Hellgelb über Goldgelb bis zu Rostorange. Eisenbeize im Nachbad verschiebt den Ton Richtung Braun-Oliv.
Wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung
Die Kontrolle über Färbepflanzen bedeutete politische und wirtschaftliche Macht.
- Das Waid-Monopol machte Erfurt im Mittelalter zu einer reichen Handelsstadt. 1350 kam es dort zu Aufständen der Färber gegen Preistreiberei.
- Krappanbau war vom 16. bis 19. Jahrhundert ein wichtiger Erwerbszweig in Schlesien, der Pfalz und dem Elsass.
- Die Farben hatten auch symbolische Bedeutung: Blau galt als Farbe der Treue, Rot als Farbe der Macht und des Klerus, Schwarz als Farbe der Amtstracht und Trauer.
Mit der Erfindung des synthetischen Fuchsins 1856 durch William Henry Perkin und des Alizarins 1869 begann der Niedergang der Färbepflanzen-Industrie. Heute erleben sie in der Öko-Textilbranche und im Reenactment eine Renaissance.
Literatur
- Schweppe, Helmut: Handbuch der Naturfarbstoffe, ecomed 1993
- Hofenk de Graaff, Judith H.: The Colourful Past: Origins, Chemistry and Identification of Natural Dyestuffs, Archetype 2004