Terpentin – Herstellung: Unterschied zwischen den Versionen
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Version vom 22. März 2026, 18:31 Uhr
Inhaltsverzeichnis
- 1 Siehe auch:
- 2 Terpentin – Herstellung und Gewinnung
- 3 Geschichte
- 4 Gewinnung des Roh-Terpentins (Harzbalsam)
- 5 Herstellung von Terpentinöl durch Destillation
- 6 Traditionelle / kleine Maßstab-Destillation (selbstgemacht)
- 7 Industrielle Methode (historisch/traditionell)
- 8 Wichtige Sicherheitshinweise
- 9 Alternativen
Siehe auch:
Oberflächenveredelung ├─ Rostumwandlung mit Gerbsäure ├─ Eisen mit Essig brünieren ├─ Eisenoberflächen bläuen ├─ Oberflächenschutz für Holz aus Holzteer, Terpentin und Leinölfirnis ├─ Herstellung von Holzteer und Pech ├─ Leinölfirnis ├─ Terpentin – Herstellung ├─ Kolophonium └─ Natürliche Holz- und Metallveredelung aus Wald und Feld
Terpentin – Herstellung und Gewinnung
Terpentin (auch Balsamterpentin, Kiefernbalsam oder Harzbalsam) ist der frische, zähflüssige Harzausfluss aus Nadelbäumen, vor allem Kiefern (Pinus-Arten), Lärchen oder Fichten. Durch Destillation entsteht daraus Terpentinöl (echtes Balsamterpentinöl, Oleum Terebinthinae) – ein klares, stark riechendes ätherisches Öl, das als natürliches Lösungsmittel, Verdünner für Öle/Firnisse, in Farben, Lacken und traditionellem Holzschutz verwendet wird.
Echtes Balsamterpentinöl ist heute teuer und selten im Handel (oft durch Terpentinersatz aus Mineralölen ersetzt). Die Selbstherstellung ist traditionell möglich, aber aufwändig, geruchsintensiv, brandgefährlich und gesundheitlich riskant – sie eignet sich nur für erfahrene Personen mit guter Ausrüstung und im Freien.
Geschichte
Die Gewinnung von Terpentin und Terpentinöl ist seit der Antike bekannt (z. B. in Griechenland für Pech und Räucherwerk). Im Mittelalter und der Neuzeit war es ein wichtiger Exportartikel in Skandinavien, Frankreich (Landes), Osteuropa und den USA („Naval Stores“ für Schiffe, Farben, Medizin). Traditionell wurde es durch Anzapfen lebender Bäume (Harzschürfen) und anschließende Destillation gewonnen. Heute stammt viel Terpentinöl industriell aus Nebenprodukten der Zellstoffproduktion (Sulfat-Terpentin).
Gewinnung des Roh-Terpentins (Harzbalsam)
- Harz sammeln: Im Frühjahr bis Sommer frisches, flüssiges Harz von lebenden Nadelbäumen (besonders Waldkiefer, Schwarzkiefer, Lärche) abkratzen oder abtropfen lassen. Frische Harztropfen oder -beulen an Verletzungsstellen sind ideal. Vermeide altes, hartes, verschmutztes Harz.
- Reinigung: Das Rohharz leicht erwärmen (ca. 60–80 °C im Wasserbad), mehrmals filtern (durch grobes Tuch oder Sieb) und dekantieren, um Rinde, Nadeln, Insekten und Schmutz zu entfernen. Bei Lärchenharz entsteht so direkt venezianisches Terpentin (Terebinthina laricina).
Das gereinigte Terpentin ist eine klebrige, honig- bis sirupartige Masse (gelblich bis grünlich) mit intensivem Kiefernduft.
Herstellung von Terpentinöl durch Destillation
Das Terpentinöl (die flüchtigen Terpene wie α-Pinen, β-Pinen) wird durch Destillation vom festen Kolophonium getrennt.
Traditionelle / kleine Maßstab-Destillation (selbstgemacht)
Benötigte Ausrüstung (einfache Heimdestille):
- Edelstahl- oder Kupfertopf/Druckkochtopf mit Deckel (als Destillierkolben)
- Kühlrohr oder Schlangenkühler (in Wassereimer)
- Vorlage (Glas- oder Metallbehälter)
- Thermometer
- Optional: Wasserdampf-Destillation (Harz + Wasser)
Einfaches Rezept (für 200–500 g gereinigtes Harz):
- Gereinigtes Harz in den Kolben geben (optional mit etwas Wasser mischen für Wasserdampfdestillation – erleichtert und schützt vor Überhitzung).
- Langsam erhitzen (elektrische Platte, draußen!).
- Temperatur: 150–200 °C (Terpene sieden ca. 154–170 °C).
- Dämpfe kondensieren → klares, farbloses bis leicht gelbliches Öl tropft in die Vorlage.
- Rückstand: Festes Kolophonium (für Kitt, Salben, Geigenbogenharz).
Ertrag: Gering – aus 1 kg frischem Harz ca. 100–300 ml Terpentinöl (10–30 %, je nach Baumart und Frische).
Industrielle Methode (historisch/traditionell)
Harz in großen Kesseln erhitzen → Terpentinöl und Wasser destillieren, Kolophonium bleibt zurück. Oft doppelte Destillation für höhere Reinheit (z. B. aus Strandkiefer-Harz).
Wichtige Sicherheitshinweise
- Stark entzündlich/explosiv – nur im Freien, fern von Feuer/Flammen!
- Reizende, gesundheitsschädliche Dämpfe (Haut, Augen, Atemwege, neurotoxisch) → Atemschutz (ABEK-Filter), Handschuhe, Schutzbrille.
- Selbstentzündungsgefahr bei getränkten Materialien!
- In vielen Ländern rechtliche Einschränkungen (Brandschutz, Umweltschutz).
- Für den Alltag: Besser fertiges Balsamterpentinöl kaufen (z. B. von Naturfarbenherstellern wie Kreidezeit, Auro, Schmincke, Dictum) – sicherer, reiner und zeitsparend.
Alternativen
- Kiefernnadel-Extrakt (durch Wasserdampfdestillation von Nadeln/Zweigen) als schwächere Annäherung.
- Andere natürliche Verdünner: Orangenöl, Zitrus-Terpene (weniger reizend, aber teurer).