Urin als Rohstoff: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 23. April 2026, 15:48 Uhr

Urin als Rohstoff

Urin ist kein Abfall. Urin ist flüssiger Rohstoff. Ein Mensch produziert 1–2 Liter pro Tag. Das sind 400–700 Liter pro Jahr voller Stickstoff, Phosphor, Kalium und Ammoniak.

Unsere Vorfahren wussten das. Römer sammelten ihn in Amphoren an Straßenecken. Gerber kauften ihn fässerweise. Im Mittelalter war „Nachtgold“ ein Handelsgut. Erst seit der Wassertoilette spülen wir das Zeug weg – und kaufen danach Kunstdünger im Baumarkt.

Zeit, das zu ändern.

Warnung!
Frischer Urin ist steril. Abgestandener Urin enthält Bakterien und Ammoniakdämpfe. Nur im Freien verarbeiten. Nicht auf essbare Pflanzenteile spritzen. Hände waschen.}}

Was steckt drin?

Ein Liter Urin enthält im Schnitt:

Stoff Menge pro Liter Nutzen
Harnstoff CO(NH₂)₂ 10–20 g Wird zu Ammoniak = Stickstoffdünger
Kochsalz NaCl 2–4 g Salzquelle
Phosphor als Phosphat 0,5–1 g Blütendünger, Knochenaufbau
Kalium 1–2 g Fruchtbildung, Winterhärte
Ammoniak NH₃ nach Gärung 1–3% Reiniger, Fettlöser

Zum Vergleich: 1 Liter Urin düngt wie 3 g Blaukorn. Nur eben kostenlos.

Anwendung im Haushalt

1. Als Reiniger: Salmiakgeist aus der Blase

Prinzip: Harnstoff zerfällt durch Bakterien zu Ammoniak. CO(NH₂)₂ + H₂O → CO₂ + 2 NH₃

Anleitung Schnellgärung: 1. Urin in Kanister oder Glas geben. Deckel nur auflegen, nicht zuschrauben. 2. 1–3 Wochen warm stehen lassen. Es fängt an nach Schwimmbad zu riechen. 3. Durch Kaffeefilter oder Tuch abseihen. Fertig ist Roh-Salmiakgeist 1–3%.

Anwendung:

  • Fenster: 100 ml auf 5 L Wasser. Streifenfrei.
  • Fett: Pur auf Herd und Dunstabzug, 10 min wirken lassen.
  • Geruch: Schale über Nacht in stinkende Schuhe oder Mülleimer stellen.

Achtung!
Niemals mit Chlorreiniger mischen. Es entsteht giftiges Chlorgas.

2. Als Dünger: Nachtgold für den Garten

Regel: 1:10 mit Wasser verdünnen. Pur verbrennt die Wurzeln.

Anwendung:

  • Starkzehrer: Kürbis, Zucchini, Mais, Kohl, Tomaten. 1 Liter verdünnte Brühe pro Pflanze alle 2 Wochen.
  • Kompoststarter: Pures Gießen auf den Kompost beschleunigt die Rotte. Stickstoff füttert Bakterien.
  • Rasen: 1:20 verdünnt mit Gießkanne ausbringen. Wird dunkelgrün. Nicht bei Sonne, gibt Brandflecken.

Timing: Nur während der Wachstumsphase März bis August. Im Winter wird Nitrat ausgewaschen und belastet Grundwasser.

3. Als Beize und Farbe

  • Wolle färben: Mit Urin gebeizte Wolle nimmt Pflanzenfarben besser an. Alte Färbertechnik.
  • Holz räuchern: Eiche über Schale mit altem Urin stellen. Ammoniakdämpfe färben das Holz dunkelbraun. „Räuchereiche“ ohne Feuer.

4. Als Feuerstarter: Hirschhornsalz

Urin eindampfen und trocken destillieren ergibt Ammoniumcarbonat. Früher „Hirschhornsalz“ genannt. Backtriebmittel für Plätzchen. Schmeckt leicht nach Salmiak.

Die Pipifrage: Ist das eklig?

Nein. Frischer Urin ist steril. Er enthält 95% Wasser und 5% gelöste Stoffe, die dein Körper loswerden will. Keine Bakterien, keine Viren, solange du gesund bist.

Eklig wird es erst, wenn man es mit Kot mischt. Deshalb: Trenntoilette. Urin getrennt sammeln, Rest normal weg.

Medizin: Eigenurin-Therapie gibt es seit 5000 Jahren. Ob’s wirkt, ist umstritten. Als Dünger und Reiniger wirkt es garantiert.

Kreislauf statt Abfluss

Ein 4-Personen-Haushalt produziert 1500 Liter Urin pro Jahr. Darin stecken:

  • 15 kg Stickstoff
  • 1,5 kg Phosphor
  • 3 kg Kalium

Das ist ein halber Sack Dünger. Wert: 30 €. Stattdessen zahlen wir Abwassergebühr, damit Kläranlagen den Stickstoff mit viel Energie wieder rausfiltern.

Autarkie heißt: Kreisläufe schließen. Was aus dem Boden kam, geht wieder auf den Boden. Ohne Umweg über Klärwerk und Düngerfabrik.

Historisches

  • Antikes Rom: Kaiser Vespasian erhob Urinsteuer. „Pecunia non olet“ – Geld stinkt nicht.
  • Mittelalter: Gerber kauften Urin zum Lederwalken. Je älter, desto besser.
  • Schießpulver: Salpeter für Pulver wurde in „Salpeterplantagen“ aus Mist, Urin und Erde gewonnen. Siehe Stickstoff aus Kompost und Urin.
  • 1. Weltkrieg: Frauen sammelten Urin für die Munitionsindustrie. Daraus wurde Ammoniumnitrat.