Kasiinkleber: Unterschied zwischen den Versionen
(Die Seite wurde neu angelegt: „Kategorie:Chemie ==Siehe auch:== ├─ Portable Soup - Portable Suppe ├─ Collagen-Kleber - Leim └─ Kasiinkleber ==Der Kasiinkleber…“) |
K (Schützte „Kasiinkleber“ ([Bearbeiten=Nur automatisch bestätigten Benutzern erlauben] (unbeschränkt) [Verschieben=Nur automatisch bestätigten Benutzern erlauben] (unbeschränkt))) |
(kein Unterschied)
| |
Version vom 12. April 2026, 18:34 Uhr
Inhaltsverzeichnis
Siehe auch:
├─ Portable Soup - Portable Suppe ├─ Collagen-Kleber - Leim └─ Kasiinkleber
Der Kasiinkleber
(auch Kaseinleim oder Kalkkaseinleim) ist ein traditioneller, natürlicher Klebstoff auf Basis von Kasein (dem Hauptprotein der Milch) und gelöschtem Kalk (Calciumhydroxid, Sumpfkalk). Er wird häufig aus Magerquark hergestellt und gilt als einer der ältesten bekannten wasserbeständigen Leime.
Was ist Kasiinkleber?
Kasiinkleber ist ein kalt anzurührender Leim, bei dem das Milcheiweiß Kasein durch Zugabe einer alkalischen Substanz (meist Sumpfkalk) chemisch aufgeschlossen wird. Dadurch entsteht eine zähflüssige, stark klebende Masse, die nach dem Trocknen eine hohe Festigkeit und gute Wasserbeständigkeit erreicht.
Im Gegensatz zu tierischen Glutinleimen (z. B. Knochen- oder Hautleim) ist Kaseinleim kälter verarbeitbar und wasserfester. Er ist vollständig biologisch abbaubar und wird heute vor allem in der Restaurierung, im ökologischen Bauen und bei historischen Handwerkstechniken geschätzt.
Geschichte
Kaseinleim gehört zu den ältesten bekannten Klebstoffen der Menschheit. Bereits in der Antike nutzten Ägypter, Griechen, Römer und Chinesen kaseinhaltige Bindemittel zum Verleimen von Holz und als Bindemittel in Farben.
Im Mittelalter war er als starker Holzleim bekannt (u. a. bei Theophilus Presbyter im 12. Jahrhundert beschrieben) und galt als der festeste damals verfügbare Leim. Bis in die 1950er Jahre wurde er industriell eingesetzt, z. B. zum Verleimen von Sperrholz in der Flugzeugindustrie (Segelflugzeuge) oder im Möbelbau. Mit dem Aufkommen synthetischer Leime (z. B. PVAc, Harnstoffharze) verlor er an Bedeutung, erlebt aber seit den 2000er Jahren eine Renaissance in der ökologischen und denkmalpflegerischen Anwendung.
Anwendungen
Kasiinkleber wird hauptsächlich verwendet für:
- Holzverleimung – besonders bei tragenden Verbindungen, Möbeln, Türen, Treppen und historischen Holzkonstruktionen
- Restaurierung alter Möbel und Bauteile
- Als Bindemittel in Kaseinfarben, Kalkputzen und Lehmputzen (zur Erhöhung der Wischfestigkeit)
- Früher auch im Flugzeug- und Bootsbau sowie als Etikettierleim
- In der Kunst und Malerei (Kaseintempera)
Er erreicht Klebefestigkeiten, die mit modernen D2-/D3-Leimen vergleichbar sind, ist jedoch nicht für dauerhaft nasse Bereiche (z. B. Außenbereich ohne Schutz) geeignet.
Rezepte
Es gibt verschiedene Varianten. Am häufigsten wird Magerquark (fettarm, möglichst ohne Lab) verwendet.
Einfaches Quark-Kalk-Rezept (Volumenteile)
- 5 Teile gut ausgepresster Magerquark
- 1 Teil Sumpfkalk (gelöschter Kalk als Brei/Paste)
Zubereitung:
- Quark in einem Tuch gut auspressen, bis er bröselt (Molke entfernen).
- Quark und Sumpfkalk in einem nicht-metallischen Gefäß (Glas, Porzellan) intensiv verrühren (ca. 3–5 Minuten), bis eine homogene, zähflüssige Masse entsteht.
- Sofort verarbeiten. Der Leim bindet nach einiger Zeit ab (Gallertbildung).
Gewichtsrezept mit Kaseinpulver (für ca. 0,5 l)
- 100–150 g Kaseinpulver
- 250–450 ml Wasser (zum Einsumpfen)
- 30–45 g Calciumhydroxid (Kalkhydroxid) in 100 ml Wasser
Zubereitung:
- Kasein mit Wasser verrühren und ca. 5–10 Minuten (oder über Nacht) quellen lassen.
- Kalkhydroxid separat mit Wasser anrühren.
- Beide Ansätze mischen und kräftig rühren. Optional etwas Wasserglas (Kaliumsilikat) für zusätzliche Festigkeit zugeben.
Hinweise:
- Immer frisch anrühren – der Leim hält nur wenige Stunden bis Tage.
- Kein Metall verwenden (Reaktion mit Kalk).
- Für Farben kann man Pigmente zugeben (Kaseinfarbe).
Chemischer Vorgang
Kasein liegt im Quark/Milch als Calciumkaseinat vor und ist in Wasser schlecht löslich. Durch Zugabe von Calciumhydroxid (stark alkalisch) wird das Kasein aufgeschlossen:
- Die alkalische Umgebung spaltet die Calciumbrücken und macht das Protein löslich (Bildung von Alkalikaseinat).
- Es entsteht eine kolloidale, viskose Lösung mit hoher Adhäsionskraft.
Beim Mischen mit Quark „bröselt“ dieser zunächst und wird dann zähflüssig – ein Zeichen für die erfolgreiche Aufschließung.
Trocknung und Aushärtung
- Physikalische Trocknung: Das Wasser verdunstet, die Leimschicht schrumpft leicht.
- Chemische Aushärtung: Das Kasein vernetzt sich weiter. Durch die alkalische Reaktion und den Einbau von Calciumionen entsteht ein wasserunlösliches, festes Proteinnetzwerk.
- Der Leim wird nach vollständiger Durchtrocknung (je nach Schichtdicke und Klima mehrere Tage) hart, spröde und weitgehend wasserfest.
- Die endgültige Festigkeit wird erst nach vollständiger Austrocknung erreicht. Frische Verklebungen sollten daher einige Tage ruhen und nicht belastet werden.
Vorteile: Sehr hohe Anfangsfestigkeit und Alterungsbeständigkeit. Nachteile: Relativ lange Trocknungszeit, begrenzte Topfzeit und Empfindlichkeit gegenüber Säuren.
Literatur / Quellen
- Wehlte: Werkstoffe und Techniken der Malerei
- Diverse historische Handwerksbücher (u. a. Theophilus Presbyter)
- Rezepte von Kremer Pigmente, Sehestedter Naturfarben und Restauratoren